Freitag, 07. Oktober 2022
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Das Wohl des Kindes – 400 ErzieherInnen bei der 23. Fachtagung „Ziele, Wege, Stolpersteine“ des Landratsamtes Würzburg in den Mainfrankensälen Veitshöchheim

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LANDKREIS WÜRZBURG. Über 400 Erzieherinnen und Erzieher aus den Kindertagesstätten des Landkreises Würzburg und aus der unterfränkischen Nachbarschaft von Aschaffenburg bis Rhön-Grabfeld folgten der Einladung des Landratsamtes Würzburg zur 23. Fachtagung „Ziele, Wege, Stolpersteine“ in die Mainfrankensäle nach Veitshöchheim, bei der sich alles um „Das Wohl des Kindes“ drehte. Der Fokus der Vorträge lag dabei auf der Prävention, also auf der Frage, welches Umfeld Fachkräfte schaffen können, damit es dem Kind gut geht.

Für die Organisation der in den beiden letzten Jahren wegen Corona ausgefallenen Fachtagung zeichnete der Geschäftsbereich „Jugend und Soziales“ am Landratsamt Würzburg verantwortlich. Die inhaltlichen Schwerpunkte stammten von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe „Kind und Gesundheit” der Gemeindenahen Gesundheitskonferenz Würzburg. Diese umfasst verschiedenste Institutionen, Organisationen, Kliniken und Behörden. Moderiert wurde die Tagung von Paul Justice und Ursula Bördlein vom Landratsamt Würzburg.

In ihrer Eröffnungsrede stellte stellvertretende Landrätin Christine Haupt-Kreutzer fest, dass das bereits 2020 geplante Thema „Das Wohl des Kindes“ im Jahr 2022 aktueller denn je sei: „Die Corona-Krise und der Ukraine-Krieg haben uns alle in eine ungeahnte Ausnahmesituation geführt, deren Ende leider nicht abzusehen ist. Und wie in jeder Krise leiden die Schwächsten am meisten.“

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Damit Kinder Neues lernen, so die Haupt-Kreutzer, müssen sie sich wohlfühlen. Dazu bräuchten Kinder nicht nur gesundes Essen, ausreichend Schlaf, Schutz vor Gewalt, Kleidung und Obdach. Ebenso wichtig seien ihnen auch die Erfüllung sozialer Bedürfnisse wie Liebe, Respekt, Anerkennung, Fürsorge, Freundschaft und Gemeinschaft. Zum Wohl von Kindern sind deshalb nach ihren Worten Beziehungen und die damit verbundenen Emotionen vorrangig vor Lern- und Förderprogrammen.

Im Mittelpunkt der Fachtagung stand deshalb die Frage, welche Rahmenbedingungen und welches Umfeld die Kita den Kindern demzufolge bieten soll, damit sie sich wohl und angenommen fühlen. Haupt-Kreutzer freute sich, dass zur Beantwortung dieser Frage hochkarätige Referentinnen und Referenten gewonnen werden konnten.

Die Vortragsreihe eröffnete zum Thema „Corona-Kids: Was wir jetzt für unsere Kinder tun müssen“ die per Livestream aus Bremen zugeschaltete Hirnforscherin und Buchautorin Dr. Nicole Strüber.

Breiten Raum nahmen in Strübers Vortrag zunächst ihre Erkenntnisse der Gehirnforschung ein. Wichtige Erkenntnis: Stresshormone fördern gewohnheitsmäßiges Verhalten und Lernen unter Stress beeinträchtigt die Bildung neuer Erinnerungen. Kinder sollten deshalb sich in einem entspannten Zustand befinden, wenn sie ihre Umwelt erkunden und hierbei über sich und ihre Umwelt lernen. Vor allem das im Miteinander mit anderen ausgeschüttete Oxytocin hemme die Stressreaktion, bringe Ruhe und Entspannung, fördere flexibles Denken, das Lernen im sozialen Kontext und ermögliche eine vertrauensvolle Beziehung.

Strüber: „Wenn uns die Hirnforschung zeigt, dass Kinder nicht selbst aussuchen, ob sie reizbar sind, leicht wütend, frustrationsintolerant und dies stattdessen durch Gene sowie vorgeburtliche und frühkindliche Stresserfahrungen beeinflusst wird, dann müssen wir ihr Verhalten als verstehbar begreifen und versuchen, auch in der Konfrontation mit starken und schwer nachvollziehbaren Gefühlen wie kindliche Wut zu akzeptieren, uns einzufühlen, die Gefühle zu benennen, zu spiegeln, das Kind bedingungslos anzunehmen und ihm bei der Regulation zu helfen.“

Nach dem Pandemiestress seien nun auch noch die Sorgen aufgrund des Ukrainekrieges hinzugekommen. Für traumatisierte Kinder aus der Ukraine sollte eine Verringerung des Stresses vor allem durch körperliche Nähe und Nachholen verpasster Erfahrungen im Fokus stehen und nicht so sehr ein erhöhter Bildungsdruck.

Auf Gehorsam baut Pädagogik heute nicht mehr auf. Was hat sich geändert? Was sind die Alternativen? Wie entsteht persönliche Autorität? Mit diesen Fragen befassten sich unter dem Thema „Da komm ich an meine Grenzen… und was passiert dann?“ die Evangelischen Kita-Fachberaterinnen Ulrike Hentschel aus Bamberg und Cornelia Blendinger aus Nürnberg. Denn Offenheit, Interesse und Empathie, als Grundvorrausetzungen für Beziehung in der Verantwortung des Erwachsenen, würden in dem Maß schwinden, wie das Verhalten der Kinder als störend, problematisch oder falsch wahrgenommen wird. Kinder könnten ihre Potenziale aber nur entfalten, wenn sie genügend Freiräume haben.

Es wurde auch eifrig diskutiert: Eine Teilnehmerin fand es beispielsweise schlimm, dass engagierte Fachkräfte wissen, wie Verantwortung geht, dies aber ausgebrannt nicht umsetzen können. Auch der Referentin Hentschel macht es große Sorgen, wie das System gerade bestellt ist. Ihre Kollegin Blendinger sprach von extrem herausfordernden Situationen und einem großen Schmerz, die die Fachkräfte alltäglich haben. Man müsse extreme Abstriche machen von dem Anspruch, was man theoretisch weiß und dem was man praktisch leben kann. Blendinger sagte unter Beifall: „Wenn wir die personelle Ausstattung nicht haben, dann können wir noch so viele Fortbildungen machen, denn die Rahmenbedingungen werden immer schwieriger. Aber trotz dieses Dilemmas gibt es bei jeden von uns Ansatzpunkte, Prioritäten zu verschieben, um aus dem, was wir haben, das Beste zu machen.“

Die unterfränkische Kita-Fachberaterin Christiane Leclaire machte in ihrer Wortmeldung allen Mut. Es sei wichtig, die Prioritäten auf das zu verschieben, was wirklich wichtig ist. Sie empfahl, sich Fachberatung ins Haus zu holen und sich nicht vermeintlich von außen unter Druck setzen zu lassen. Viel Beifall bekam sie vom Publikum für ihre Empfehlung: „Wenn Sie es geschafft haben, mit den Kindern einen netten Tag zu verbringen und diese trotz aller risikoreichen Spiele lebend das Haus verlassen, dann haben sie alles getan, was nötig ist.“

Am Nachmittag widmete sich Prof. Dr. Thomas Müller, der am Lehrstuhl für Sonderpädagogik der Uni Würzburg lehrt und forscht, in seinem sehr intensiven Vortrag mit ganz vielen Aspekten den besonderen Bedürfnissen psychosozial belasteter Kinder. Diese seien oft durch Erwachsene und ihre Lebensumstände verletzt: Ohnmachtserleben, Beschämung, Bloßstellung, Gewalterfahrungen und Missbrauch seien dafür verantwortlich.

Gerade in der pädagogischen Arbeit mit belasteten Kindern zeige sich immer wieder, so der Professor, dass sie nicht (mehr) bereit oder fähig sind, eine vertrauensvolle Einstellung ihres Gegenübers anzuerkennen und es auch bei bestem Willen nicht (mehr) können.

Müller: „Wir als pädagogisch Professionelle müssen uns fragen lassen, inwieweit wir bereit und fähig sind, dieses Vertrauen und Zutrauen gerade belasteten und dadurch oft massiv störenden, übergriffigen, sich und anderen verletzenden Kindern entgegenzubringen.

Vertrauen stelle sich auch nicht von selbst ein. Vertrauen sei da oder nicht, wenn es weg ist, komme es so schnell nicht wieder. Es gehe deshalb vielmehr darum, Verlässlichkeit zu fördern.

In der Diskussion vermisste eine Teilnehmerin im Vortrag den Begriff „Urvertrauen“. Im Englischen „Basic Trust“ genannt, ist dies für den Professor ein ganz blöder Begriff. Es habe weniger mit dem Baby zu tun, wenn es auf die Welt kommt, sondern als Ergebnis der Bindungsforschung mit der Art und Weise und Feinfühligkeit, wie Eltern ihre Elternschaft interpretieren und mit dem Baby umgehen. Dies könne so etwas wie ein Grundvertrauen schaffen, mit dem es dann gelingt, die Welt zu entdecken und sich auf sie einzulassen, weil man einen sicheren Hafen weiß, dem ich vertraue. Dass dieses Vertrauen auch erschüttert werden kann, zeige die Corona-Pandemie ganz deutlich, da die Psychiatrien jetzt vorrangig voll seien mit Kindern, bei denen sich massive Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Adipositas ausgebildet haben.

In ihrem erfrischenden Abschluss-Vortrag begründete Heidemarie Brosche, ehemalige Mittelschullehrerin an einer Brennpunktschule, Autorin von Kinder-, Jugend- und Sachbüchern aus Friedberg bei Augsburg, warum „Kinder richtig sind, so wie sie sind!“ Sie gab den Erziehungsfachkräften zahlreiche Denkanstöße und vor allem den Rat, mutig zu sein, die Dinge anders und die Stärken in den Schwächen der Kinder zu sehen. Jedes Kind sei ein Unikat und sollte nicht in eine Schublade gesteckt werden.

Beim Rundgang durch die große Ausstellung von Anbietern und Infoständen im Foyer der Mainfrankensäle Veitshöchheim freuen sich über das rege Interesse an der Fachtagung v.l.n.r. die Referentinnen Ulrike Hentschel und Cornelia Blendinger sowie die Mitglieder des Arbeitskreises „Kind und Gesundheit“, Prof. Hans Michael Straßburg, Verena Delle Donne, Antje Steusberger, Claudia Vollmer, Paul Justice, Ursula Bördlein, Sabine Geith, stellvertretende Landrätin Christine Haupt-Kreutzer und Sandra Zeitz. | Foto: Dieter Gürz
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