Freitag, 07. Oktober 2022
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Wenn Frischkäse lebt: Warum man in Schweinfurt anscheinend die Flüchtlinge aus der Ukraine wieder wegekeln will

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SCHWEINFURT – Das, was freiwillige Helfer am Mittwoch den Medien berichteten, was auch am Dienstag schon Bestandteil des Schweinfurter Haupt- und Finanzausschusses gewesen war, ist im Zusammenhang mit den aufgenommenen Flüchtlingen aus der Ukraine absolut beschämend. Für die Stadt, vor allem aber auch für die Regierung von Unterfranken.

In den Ledward Barracks fanden zunächst die Asylanten ab 2015 ein Zuhause. Dort also, wo einst die US-Amerikaner lebten. Ehe das sogenannte ANKER-Zentrum nach Niederwerrn/Geldersheim abwanderte, also in den Landkreis in die Conn-Barracks. Das erste der seit ein paar Jahren leer stehenden Gebäude in Schweinfurt ist nun neue Heimat von überwiegend Frauen und Kinder aus der von Rußland bekriegten Ukraine.

So weit, so „gut“, was zumindest die Bereitschaft der Stadt betrifft zu helfen in der Not. Freiwillige Helfer waren es auch, ein Team um Sebastian Besler, Angelika Frei, Helga Wirth und weiteren Frauen, die sich engagierten beim Einzug, beim Verteilen von Sachspenden. Doch die Helfer sprachen von „menschenunwürdigen“ Zuständen, von einer Übergabe der Räume in einem absolut unbewohnbaren Zustand.

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Sie haben Bilder aufgenommen, die am Dienstag im Haupt- und Finanzausschuss zu sehen waren: Ein Foto von einer Packung Exquisa-Frischkäse, der zum Leben erweckt war. Besler spricht von einer klebrigen Masse, von Blut an den Wänden, von Kakerlaken in Schränken, von Kot in Schubläden und Steckdosen. Es habe so gewirkt, und der Eindruck scheint zu stimmen, dass in diesem Gebäude nach dem Auszug der Asylanten jahrelang nicht geputzt wurde.

Unten geht´s weiter…

„Freiwillige Helfer mit Herzblut“ seien sie und fragen, wieso nicht eine Reinigungsfirma engagiert wurde vor dem Einzug. Ein Wochenende putzten nun wenigstens sie. Ehrenamtlich. Der Zustand sei „ein Armutszeugnis für die Stadt“. Aber natürlich auch für die Regierung von Unterfranken als Zuständige für den Betrieb des ANKER-Zentrums.

Doch es kommt noch schlimmer, auch wenn kaum vorstellbar. Stadträtin Dr. Ulrike Schneider (Zukunft./ ÖDP) musste sich im Ausschuss „Trüffelschweinchen“ nennen lassen, weil sie die Bilder zeigen ließ. Nach nur fünf Fotos brach Oberbürgermeister Sebastian Remelé die „Bilder-Gala“ ab. Der Vorwurf der CSU lautete: Die Aufnahmen seien nicht echt, gefaked – und vor allem: Sebastian Besler und seine Begleiterinnen hätten Hausfriedensbruch begangen. „Das war für uns der schlimmste Vorwurf“, sagt der System-IT´ler, der sich für die Menschen in Not einsetzt.

Und der feststellt: Es fehle an menschlicher Zuwendung für die Flüchtlinge, „die ja eigentlich gar nichts kostet“. Man habe vor Ort einen E-Check der Elektrogeräte angeboten, wurde von der Stadt aber abgewiesen. Besler schildert, dass 20 bis 30 BewonerInnen sich auf einem Stockwerk vier Herdplatten teilen mussten zum Warmmachen von Flüssigkeiten. Kaffeemascheinen, Wasserkocher und andere Elektrogeräte wurden eingesammelt.

Und die HelferInnen des Hauses verwiesen. Sie dürfen die Wohneinheiten nicht mehr betreten. „Die Flüchtlinge brauchen Ruhe“, soll Matthias Kress („Gerne daheim in Schweinfurt“) gegenüber den Helfern geäußert haben. Auch Corona ist nun ein Problem, bei nur 30 Prozent Impfabdeckung in der Ukraine nachvollziehbar.

Doch man hätte im Gebäude noch nicht mal einen Dosenöffner gehabt. Sprachliche Probleme kommen hinzu. Wenn in einer Packung sich „Tomatensuppe“ befindet, dann kann eine Ukrainerin das nicht unbedingt lesen… Es wirke so, als wolle man es den Gästen nicht zu schön machen, damit sie von selbst wieder verschwinden, weil sie sich nicht wohl fühlen, lautet der Vorwurf.

Besler berichtet davon, dass sie beim Verlassen der Wohneinheiten traurige Kinder auf den Gängen sitzen sahen und sich daran erinnerten, dass die Menschen ja wäschekorbweise Spielsachen gespendet hatten. Also holten sie die aus dem Versteck. „Wie Heuschrecken, die auf Weizenfelder stürmen“, sei es gewesen. Plötzlich waren die Kinder nicht mehr traurig. Warum ihnen die Spenden nicht überreicht wurden, fragen sich die Helfer.

„Wir fühlen uns behandelt, als wären wir dumm. Man muss die Leute auch mal machen lassen“, sagt Besler, der vermutet, dass es Wochen bis Monate dauern wird, bis der Dreck weggeputzt ist. „Das hat sich Patina in Schichten aufgebaut“, weiß er und sieht es als die Aufgabe der Stadt an, es den Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Nun werden zwei weitere Häuser reaktiviert.

Zu mutmaßen ist, dass nach dem Auszug der Asylanten um 2019 auch dort nie eine Endreinigung stattfand. Denjenigen, die das aufdeckten, wirft die Stadt nun einen Rechtsverstoß vor. „Wir sind erschüttert. Denn wir machen das ja nicht aus Spaß an der Freude“, sagt stellvertretend Sebastian Besler.

UPDATE: In dem Beitrag befindet sich insofern ein kleiner Fehler, als dass es sehr wohl einen Dosenöffner im Gebäude gab, es aber an einem Ansprechpartner für die Bewohner fehlte, um zu zeigen, wo er sich befindet.

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